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Tag Archives: Macht

Macht und Freiheit

Landläufig geht man davon aus, dass die Durchsetzung von Macht gegen den Willen einer anderen Person erfolgt. Hingegen ist es vielmehr so, dass jemand genau dann mächtig ist, wenn seine Vorstellungen und Ideen von anderen freiwillig und ohne gesondertes Zutun realisiert werden. Byung-Chul Han geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt, dass die maximale Macht unter der Suggestion von Freiheit ausgeübt wird. Der Ausführende wähnt sich im Glauben, sein Handeln frei im Sinne der Idee (eines anderen) wählen zu können.
Übertragen auf Organisationen könnte genau das der Wunsch jeder Führungskraft sein: Die Geführten erfüllen freiwillig und ohne aufwändiges Zutun wie Motivation, Anreizsysteme, Anordnungen, Androhung oder gar Zwang die Ideen und Vorstellungen der jeweiligen Führung. Denn sobald die Geführten sich nicht mehr in Freiheit wähnen und beginnen die Ideen der Führung in Frage zu stellen, beginnt sich das erste Gefühl von Ohnmacht seitens der Führung einzustellen.

Einfluss versus „macht!“

In hierarchischen Systemen, wie es Organisationen nun mal sind, macht es zuweilen Sinn, die Begriffe Einfluss und Macht zu unterscheiden. Denn Macht und Einfluss müssen nicht zwingend zusammenfallen, auch wenn die Begriffe gerne synonym verwendet werden.

Ein Mitarbeiter hat möglicherweise viel Einfluss: er kann sich um Dinge annehmen, die zu tun sind. Als Experte kann er wichtige Entscheidungen vorbereiten und beeinflussen. Diese Vorlagen werden dann den Mächtigen zur eigentlichen Entscheidung – oder vielleicht manchmal eher: ‚offiziellen Absegnung‘ – weitergereicht. Der oder die (im Falle von Gremien) sind dann die sogenannten Mächtigen. Aber ihr tatsächlicher Einfluss ist eher gering. Besteht der heute eher seltene Fall, dass die Entscheidungsvorlage auch inhaltlich durch die Mächtigen geprüft werden kann, so rücken Einfluss und Macht wieder näher zusammen. In den gegenwärtigen Organisationen, die komplexe Aufgaben zu bewältigen haben, ist das kaum noch der Fall.

Ob das von den Mächtigen Entschiedene dann auch in der Organisation umgesetzt wird, entzieht sich bereits zumeist wieder ihrem Einfluss. In funktionierenden  hierarchischen Systemen kann man davon ausgehen, dass das, was von den Mächtigen entschieden wird, auch umgesetzt wird. Dann stehen Einfluss und Macht auch hinsichtlich Umsetzung nahe zusammen. In der Regel spricht man dann nicht von den Mächtigen, sondern von Führungskräften oder charismatischen Menschen, deren Vokativ „macht!“ gerne freiwillig aufgegriffen wird – nicht selten von einem starken ‚Wir-Gefühl‘ begleitet.

Macht und Ohnmacht

Ich bin überrascht, welche Assoziationen und Emotionen das Wort ‚Macht‘ bei Menschen im Kontext Organisation auslöst. Ein diffus unangenehmes Gefühl macht sich bei Teilnehmern in einem Workshop breit: Worte wie Anordnung, Drohung, Zwang und Gewalt können von einzelnen kaum differenziert wahrgenommen werden. In bestimmten Situationen die eigene Ohnmacht oder gar Hilflosigkeit anzuerkennen, fällt schwer, ist aber noch leichter verdaulich als Macht.
Es gilt m.E. die Begriffe Macht und Gewalt gut zu trennen und Macht im Kontext Organisation wertneutral im Sinne von „in der Lage etwas zu machen“ aufzufassen.
Interessanter Weise erlebe ich immer öfter, dass sowohl Menschen in Führungspositionen als auch Geführte sich machtlos bis ohnmächtig erleben. Als erster Schritt heraus zeigt sich, dass es gilt, die Situation zunächst wahrzunehmen, statt zu leugnen. Sofort zeigen sich Möglichkeiten zum Handeln und Gestalten, wenn das unordentliche Gefühl benannt, eingeordnet und ‚aufgeräumt‘ wird.